Der Persönliche Kontakt

Stuttgarter Zeitung Nr.264, Mittwoch, 15. November 2000

Eine kleine Luft- und Seefrachtspedition behauptet sich gegen die Großen der Branche.

Der starke Dollar beflügelt zurzeit die Exportindustrie, nicht zuletzt Ausfuhren nach Nordamerika. Wer seine Waren dorthin transportieren will, muss auf den Luft- oder den Seeweg zurückgreifen. Und so profitieren auch Luft- und Seefrachtspediteure vom aktuellen Exportboom...



Kaum ein Thema hat die Transportbranche in letzter Zeit so aufgebracht wie die Treibstoffpreise. Die Transporteure und Spediteure gingen europaweit auf die Straße, und die Reisebranche tut sich schwer, ihrer Kundschaft Treibstoffzuschläge zu vermitteln. Michael Steingens, einer von drei Geschäftsführern der See- und Lufttrachtspedition Astracon in Neuhausen auf den Fildern, lässt das Thema kalt. Gestiegene Treibstoffpreise? Für den Speditionskaufmann ist das ein Randthema. Er hat seinen Kunden einen Brief geschrieben, dass er nun die Preise erhöhen muss. Das wars. Proteste gab es keine.

Während Straßentransporteure aufgrund der harten Wettbewerbsbedingungen in ihrem Markt die höheren Treibstoffkosten nicht an ihre Kundschaft weitergeben können, sieht es bei See- und Lufttransporten ganz anders aus. Gerade jetzt, im letzten Quartal des Jahres, sind Frachtplätze in Flugzeugen und auf Containerschiffen heiß begehrt." In der Zeit von Oktober bis Dezember ist bei uns immer die Hölle los", sagt Steingens. Hinzu kommt, dass die boomende Exportwirtschaft derzeit ohnehin für eine glänzende Nachfrage sorgt. Vor kurzem bescheinigte das Münchner Ifo-lnstitut der Luftfracht- (plus acht Prozent) und Seefrachtbranche (plus 6,1 Prozent) in diesem Jahr ein überproportionales Tonnageplus.

"Cargo-Agenten" vermitteln

Astracon, die 60 Prozent ihres Umsatzes mit Fracht nach Nordamerika erlöst, profitiert von dieser Nachfrage ganz besonders. In den USA unterhält das Unternehmen sogar gemeinsam mit einer italienischen Spedition eine Niederlassung. Astracon makelt mit Frachtplatz auf Schiffen und in Flugzeugen. Die Vermittlung von Transportleistungen ist die klassische Aufgabe eines Spediteurs, auch wenn etliche Mischbetriebe mittlerweile dafür gesorgt haben, dass viele sich unter einer Spedition ein Unternehmen vorstellen, das Lastwagen, Schiffe und/oder Flugzeuge besitzt und Lasten transportiert. Steingens spricht daher lieber von "Cargoagenten". Containerplätze auf den Nordamerika-Seolinien, erzählt er, seien derzeit so gut wie nicht zu bekommen, vor allem nicht für sperrigere Güter oder solche, die Spezialcontainer erfodern. So mancher Kunde sei gezwungen, mit seiner Fracht auf Flüge auszuweichen, auch wenn das bei schweren Sendungen teurer ist.

Aber auch Flugfrachträume sind kurzfristig momentan kaum zu organisieren. In der Branche ist es üblich, bereits ein halbes Jahr im Voraus bei Fluggesellschaften Frachtraum zu reservieren. In der Hochsaison sind nun diese Plätze weitgehend vergeben. Um die Waren seiner Kunden - unter ihnen klingende Namen wie Schuler Pressen oder der Ditzinger Werkzeughersteller Trumpf - trotzdem in die Luft zu kriegen, charterte Astracon kürzlich sogar eigens eine Boeing 747.

Kein leichtes Unterfangen: für die lange Strecke nach Charlotte wären zwei FlugzeugCrews notwendig gewesen. Nachdem die nicht zu bekommen waren, wich Astracon auf die kürzere Strecke nach New York aus. Hinzu kam, dass erst nach etlichen Mühen auf dem Stuttgarter Flughafen ein Verladeplatz für den Frachtflieger zu finden war.

Doch solche Probleme sind die Leute von Astracon gewöhnt. Flugfracht zu planen ähnelt einem Puzzlespiel. Auf jeden Quadratmeter Frachtraum darf nur ein bestimmtes Gewicht kommen. Das Kunststück dabei ist, sowohl den Raum zu füllen, als auch das zulässige Gewicht nicht zu überschreiten. Steingens erinnert sich an einen Transport vor einiger Zeit: 100 Tonnen Fracht, eine Papierverarbeitungsmaschine, sollte er nach Chile bringen. In Teile zer legt füllte diese Fracht drei DC-10-Maschinen. Weil auch die Einzelteile noch immer die Gewichtsgrenze überschritten, musste der Flugzeugboden verstärkt werden - damit wurde der Frachtraum niedriger. Ein eigens engagierter Packmeister schaffte es schließlich, alles im Flieger zu verstauen - Millimeterarbeit.

In Riederich bei Metzingen hat Michael Steingens Astracon 1994 gemeinsam mit den Speditionskaufleuten Christoph Kruppa und Frank Wannenmacher gegründet. Schon drei Tage nach dem Start hatten die Gründer dank guter Kontakte ihren ersten Auftrag: zwei Tonnen für den Etikettenhersteller Herma nach Kuwait. "Als wir Astracon gegründet haben, haben alle gesagt, wir sind wahnsinnig - wir haben das Gegenteil bewiesen", sagt Steingens. Heute sei Astracon - ein Wortspiel aus dem Namen "Air and Sea Transport Concept "- am Markt etabliert.

Neun Mitarbeiter beschäftigt das Unternehmen zurzeit in Neuhausen, ein weiterer arbeitet in der Seefrachtniederlassung in Bremen. Drei von ihnen besitzen Weiterbildungen für Gefahrguttransporte. Unter anderem solche Qualifikationen, da ist sich Steingens sicher, lassen ihn gegen die Konkurrenz bestehen - und zu der zählen Konzerne wie Danzas, Kühne und Nagel oder Schenker. Danzas erzielte im vergangenen Jahr einen Umsatz in Höhe von 8,7 Milliarden Mark Astracon peilt dieses Jahr gut 14 Millionen Mark an (7,1 Millionen Euro). "Wenn dann solche Nachrichten kommen, dass die Post Danzas kauft, erschrecken wir schon", sagt Steingens. Trotz der potenten Konkurrenz habe Astracon in den vergangenen Jahren aber seinen Umsatz um jeweils 25 bis 30 Prozent steigern können.

Die Kunden werden früh bedient

"Bei den Konzernen landen Sie erst mal in der Warteschlange, wenn Sie anrufen, und wenn Sie später noch eine Nachfrage haben, ist der Mitarbeiter, mit dem Sie gesprochen haben, nicht mehr da. Bei uns gibt es so was nicht." Der persönliche Kontakt zum Spediteur entscheidet für die kleine Astracon über Wohl und Wehe. Entsprechend gibt es bei dem Unternehmen auch keinen Anrufbeantworter. Wenn die Mitarbeiter zu Hause sind, wird das Telefon auf ein Handy umgeleitet. Und während andere Speditionen erst ab neun Uhr besetzt sind, sei bei Astracon schon ab acht Uhr jemand da. "Wenn andere anfangen, haben wir den Auftrag schon."

 

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